Kratzmarkieren – einem missverstandenen Verhalten auf der Spur

Unter dem Körper der Katze wachsen Beine. Es sind genau vier Stück, an deren Enden die Katze Krallentatzen trägt. Die Krallen an diesen Tatzen kann sie aus- und einfahren. Man kennt das System von Flugzeugfahrgestellen. Jedoch ist das Anwendungsgebiet der gebogenen Katzenkrallenhaken ein anderes: Die Katze gebraucht ihre Instrumente zur Aufarbeitung von Polstermöbeln.

Aus: Gina Ruck-Paquèt: Die Katze

Text: Bettina von Stockfleth

Dem Markieren mit Harn und Kot sowie der Unsauberkeit von Katzen sind mittlerweile ganze Bücher gewidmet, die geplagten Haltern und ihren unglücklichen Miezen helfen sollen, den Haus- und Seelenfrieden wiederherzustellen, indem die Gründe analysiert und mithilfe katzenfreundlicher Methoden beseitigt werden. Dagegen steckt die Forschung zum Thema «Kratzmarkieren» immer noch in den Kinderschuhen, und selbst die Fachliteratur widmet dieser Verhaltensweise kaum mehr als ein paar Sätze. Dabei zählt das Kratzmarkieren an Möbeln und Tapeten nicht gerade zu den beliebten Eigenschaften unserer plötzlich gar nicht mehr so samtpfotigen Samtpfoten, und die Zerstörung von Bestandteilen der Einrichtung schmerzt oft nicht nur ideell, sondern kann auch finanziell ganz empfindlich zu Buche schlagen. Frustrierend ist überdies die unglaubliche Hartnäckigkeit, mit der manche Katzen immer wieder bestimmte Gegenstände bekratzen, selbst wenn sie hierfür bestraft werden und/oder ihnen alternative Kratzgelegenheiten angeboten werden.

Warum tun sie das?

Wie eingangs erwähnt, liefert die Fachliteratur insgesamt nur sehr spärliche Informationen zu dieser Verhaltensweise. Der Altmeister der Katzenforschung, Paul Leyhausen, betonte den optischen Aspekt und ordnete das Kratzmarkieren unter der Überschrift «Sichtmarkierung» ein. Er erwähnte nur kurz, dass Kratzstellen auch beschnuppert werden, was auf das Vorhandensein von Duftstoffen schliessen lasse.i Mittlerweile ist die Forschung fortgeschritten, und so lassen Schroll/Dehasse knapp verlauten: «Kratzmarkierungen sind eine Kombination von olfaktorischen, akustischen und optischen Signalen. Die mit den Pfoten angebrachten Pheromone haben keine grosse Reichweite, sodass die optischen Veränderungen anziehend auf andere Katzen wirken.»ii Ob diese nun ausgerechnet anziehend auf andere Katzen wirken, scheint fraglich im Hinblick auf die Aussage von Wolf-Dieter Schmidt, der dieses Verhalten primär mit Reviermarkieren sowie ferner mit Verunsicherung und Angst in Verbindung bringt.iii Die renommierten Katzenspezialisten Bateson und Turner konstatierten dagegen schon gut 20 Jahre vor dem Erscheinen des Werks von Schmidt eher Gegenteiliges: «Dominante Katzen kratzen aber manchmal ostentativ in Anwesenheit von untergeordneten Katzen. Es sieht dann wie Imponiergehabe aus.»iv

Die Verwirrung auf Basis theoretischer Quellen scheint also auf den ersten Blick komplett zu sein. Deutlich wird zwischen diesen Zeilen allerdings, dass das gerade von der Heimtierbranche in ihrer Werbung immer wieder unermüdlich erwähnte Krallenschärfen und -wetzen keinesfalls der Hauptgrund für diese Tätigkeit ist. Dass unsere Hauskatzen hierbei tote Krallenhülsen abstreifen, ist lediglich eine praktische Nebenerscheinung des Kratzens. De facto entsprechen die formulierten Thesen zum Kratzmarkieren jedoch allesamt dem im Alltag beobachtbaren Katzenverhalten, wobei die Autoren eben nur eine oder wenige Motivationen zum Kratzen herausstellen und andere Antriebe ausser Acht lassen. In meiner Tätigkeit als Verhaltenstherapeutin konnte ich die im Folgenden aufgeführten Motivationen zum Kratzen bei unterschiedlichsten Katzencharakteren beiderlei Geschlechts feststellen:

  • Reviermarkieren: entweder in Form von Dominanzverhalten oder aus Unsicherheit, häufig wenn fremde Katzen sich um das eigene Haus herum aufhalten und dort womöglich sogar markieren.
  • Abbau innerer Spannung, Frustration und Kontrollverlust: beispielsweise bei schwelenden Konflikten im Mehrkatzenhaushalt oder wenn der Zugang zu wichtigen Ressourcen über längere Zeit hinweg beeinträchtigt ist (beispielsweise aufgrund umfangreicher Renovierungsarbeiten im Lebensraum oder dem Gefühl, zu wenig Aufmerksamkeit von Bezugspersonen zu erhalten).
  • Selbstdarstellung: sowohl Komfort- als auch Imponiergehabe.

Ferner:

  • Selbstbelohnendes Verhalten, das heisst, der ursprüngliche Antrieb hat sich verselbständigt. Anfänglich lag eine der zuvor genannten Motivationen vor, doch Recken und Strecken, Widerstand an den Krallen zu verspüren und eindrucksvolle optische Spuren zu hinterlassen, ist inzwischen zum Selbstzweck geworden, weil es einfach gute Gefühle erzeugt.
  • Übersprungshandlung: meist ein kurzes, heftiges Kratzen während der Interaktion mit Artgenossen, oft wenn ein Tier von kätzischen Mitbewohnern genervt ist und sich im Konflikt zwischen Abwehr und Rückzug befindet. Es wird relativ willkürlich ein mehr oder weniger geeigneter Gegenstand bekratzt.

Um eine geeignete Lösung für problematisches Kratzverhalten zu finden, muss die Ursache selbstverständlich erst mal geklärt sein. Oft existieren mehrere sich überlagernde Motivationen gleichzeitig, wie im Fall des Wunsches, das eigene Revier zu verteidigen, dieser Wunsch kann auch mit Frustration und Kontrollverlust einhergehen und somit mit Unsicherheit. Meist lässt sich das vorrangige Motiv anhand von Ort und Zeit der «Kratzattacken» klären, was wiederum genaues Beobachten erfordert. So werden präventive Reviermarkierungen dort gesetzt, wo sie von potenziellen Eindringlingen auch wahrgenommen werden. Dies betrifft vor allem Zugänge zum Revier, aber auch Stellen, an denen ausschliesslich Sicht- oder Geruchskontakt möglich ist. In erster Linie wird an oder direkt neben Haus- und Wohnungstüren, aber auch um Fenster und Briefkastenschlitze herum gekratzt. Die Markierungen verlaufen meist vertikal und werden gerne an hölzernen Rahmen oder Tapeten gesetzt, wo der optische Effekt gross und leider dauerhaft ist, aber auch Läufer und Fussmatten sowie Gardinen werden von erregten Katzen oft angegangen. Reviermarkierende Katzen sind häufig auffallend unruhig und patrouillieren immer wieder an diesen strategisch wichtigen Stellen.

Da sich Besuche freilaufender Katzen kaum tierfreundlich beeinflussen lassen, lässt sich das Problem nur in den heimischen vier Wänden lösen. Eine pflichtbewusst ihr Revier absteckende Katze wird das Kratzen an strategisch wichtigen Stellen nicht sein lassen und lediglich Stress empfinden, wenn sie hierfür bestraft wird. Versuchen Sie bitte den positiven Aspekt zu sehen: Schlimmer wäre es, wenn die betreffende Katze zum Urinmarkieren übergehen würde. Das Risiko, dass es so weit kommt, können Sie reduzieren, indem Sie möglichst breite Kratzmöglichkeiten an den bevorzugten Flächen oder in deren unmittelbarer Nähe anbringen. Sehr aufgeregte Katzen kratzen oft so vehement, dass sie von der erlaubten Fläche abrutschen, selbst wenn sie begriffen haben, welches Material bekratzt werden darf.

Besonders geeignet sind Kratzbretter aus starker Wellpappe. Im Gegensatz zu Sisal kommt die nachgiebige Pappe dem Bedürfnis, optische Marken zu hinterlassen, sehr entgegen. Leider hat der Markt noch deutlichen Nachholbedarf an solchen Artikeln für die Wandmontage, zumal die Pappbretter oft als minderwertige Produkte wahrgenommen werden, die natürlich auch deshalb anstrengend für die Halter sind, da eine erhebliche Menge an Pappkrümeln herabfällt. Aber wo gehobelt wird, fallen eben Späne, und ein paar trockene Pappstückchen sind sicherlich im Verhältnis zu Urinpfützen das kleinere Übel. Schäden an Tapeten, Türrahmen und dergleichen sollten vor der Montage der neuen Kratzgelegenheiten gründlich beseitigt werden, da sie sonst aus Gewohnheit und sicher auch wegen der vertrauten Duftspuren weiter genutzt werden. Dirigieren Sie Ihre Katze mit viel Fingerspitzengefühl an die neuen Kratzstellen, kratzen Sie selbst in Miezes Gegenwart mit den Fingerspitzen daran und loben Sie das Tier überschwänglich, wenn die neuen Angebote angenommen werden.

Sollte die territoriale Katze trotz dieser Massnahmen weiterhin gestresst reagieren, kann es sinnvoll sein, den Kontakt zur Aussenwelt an kritischen Stellen zu unterbinden. Oft geschieht dies über einen Sichtschutz, der leider für die menschlichen Hausbewohner keine schöne Lösung darstellt, da Fenster oder Türen für Wochen oder gar Monate verhängt beziehungsweise mit Klebefolie versehen werden müssen. Leider besteht auch die Gefahr, dass die so isolierte Katze statt sich zu beruhigen immer aufgeregter wird, da sie potenzielle Eindringlinge nun nicht mehr «kontrollieren» kann. Hier kann eine erfahrene Katzenpsychologin gemeinsam mit der Halterin eine individuelle Lösung ausarbeiten. Unterstützend sollten auf jeden Fall Pheromone wie Feliway® und weitere das Verhalten beeinflussende Massnahmen eingesetzt werden. Wichtig ist überdies die Auslastung durch Beschäftigung und das allmähliche Verlegen von Ressourcen wie Futter, Toiletten oder Spielplätzen an als attraktiv und sicher empfundene Orte.

Kratzbürsten im Mehrkatzenhaushalt

Die Unterstützung durch Wohlfühl-Pheromone sowie eine Konflikte entschärfende Verteilung oder Erweiterung von Ressourcen sind ebenfalls angezeigt, wenn Spannungen im Mehrkatzenhaushalt auftreten, denn die Aggressoren blockieren mit Vorliebe die Zugänge zu Futter, Katzenklos sowie beliebten Aussichts- und Ruheplätzen. Hier kann das Kratzmarkieren einerseits von der gemobbten Katze ausgehen, die verzweifelt versucht, hierdurch ihre Position zu stärken und sich selbst Sicherheit zu vermitteln. Andererseits kratzen auch dominante Tiere in Gegenwart unterlegener Artgenossen, um sich selbst in Szene zu setzen. Manchmal eskalieren solche Situationen und verschärfen den bestehenden Konflikt, indem die unsichere Katze zu kratzen beginnt und durch die Geräusche sofort den Gegner auf den Plan ruft, der das so markierende Tier angreift und versucht, dessen Verhalten zu unterbinden. Hat die unterlegene Katze das Weite gesucht, wird dieselbe Kratzstelle sogleich vom Sieger okkupiert und meist mit Vehemenz bearbeitet, wobei regelrechte «Kratzwettbewerbe» stattfinden können, bis die Machtverhältnisse für einen gewissen Zeitraum oder für eine bestimmte Ressource geklärt sind.

Im Übrigen sind die Kratzgelegenheiten selbst wichtige Ressourcen – ein Faktor, der leider immer noch viel zu häufig in der Verhaltenstherapie übersehen wird, wenn es darum geht, Rivalitäten zwischen Katzen in den Griff zu bekommen. Während in zahlreichen, gut informierten Mehrkatzenhaushalten jedes Tier einen eigenen Futternapf besitzt, es ausreichend Kuschel- und Rückzugsplätze gibt und mindestens ein Klo mehr angeboten wird, als Katzen im Haushalt leben, sind Kratzbäume und -bretter vielfach eher vernachlässigte Aspekte des Lebensraums. Den Haltern ist die Wichtigkeit eines solchen Angebots, besonders im Zusammenhang mit der Wahl geeigneter Orte für Kratzstellen, aufgrund des Mangels an Informationen verständlicherweise nicht bewusst. Sie gehen meistens davon aus, dass die Stämme des Kratzbaums ausreichen, um das Kratzbedürfnis ihrer Miezen zu befriedigen. Überdies ist nicht jedes Haus oder jede Wohnung so geschnitten beziehungsweise so eingerichtet, dass sich auf Anhieb ideale «Kratzverhältnisse» schaffen lassen. So fristen zahlreiche Kratzbäume und -bretter im wahrsten Sinne des Wortes ein Nischendasein, wie zum Beispiel in Schlaf- und Ankleidezimmerecken, hinter Türen in wenig genutzten Gästezimmern oder gar im Keller.

Doch während Kratzbäume vorrangig der Selbstdarstellung dienen und ihre Plattformen als Aussichts- und Liegeflächen genutzt werden, werden Mitkatzen ja dort gemassregelt, wo Katzentoiletten und Futternäpfe umkämpft sind oder man dem ungeliebten kätzischen Mitbewohner an einer Türöffnung mal eben den Weg versperren kann, damit der ja nicht auf die Idee kommt, er habe etwas zu melden. Katzen mobben aus der Perspektive menschlicher Betrachter oft recht subtil: Eine scheinbar ganz unbeteiligt in der Gegend herumsitzende Katze, die «nur in die Gegend guckt», kann tatsächlich gerade bewusst eine Sitzblockade veranstalten, um einer Mitkatze den Zutritt zu bestimmten Räumen beziehungsweise darin befindlichen Ressourcen zu verwehren. Gekratzt wird dann ebenfalls in niederen Gefilden: Betroffen sind auch in diesem Fall Türrahmen oder Tapeten, die auf dem Weg zu der verwehrten Ressource liegen, aber in sicherer Entfernung zur dominanten Katze. Aus Frustration und zwecks Stressabbau kratzen gerade unterlegene Katzen oft sehr nachdrücklich mit viel Körpereinsatz, was zu entsprechend starken Beschädigungen führt. Dafür sind ihre Kratzintervalle kurz, denn entweder setzt ihnen die mobbende Katze nach, sobald sie die verdächtigen Laute vernimmt, oder die unterlegene Katze tritt in Erwartung eben dieser Reaktion selbst vorsorglich den Rückzug an.

Werden mit dem Kratzmarkieren Konflikte um bestimmte Dinge signalisiert, hilft also ein kritischer Blick auf die Verteilung von Klos, Futterstellen, stationärem Spielzeug (Intelligenz- und Futterspielzeug) sowie beliebten Aussichts- und Ruheplätzen. Sind diese grosszügiger verteilt, ohne «Flaschenhälse» zu schaffen, das heisst ohne einer dominanten Katze Möglichkeiten zu bieten, in schmalen Fluren und an Türöffnungen den Zugang zu wichtigen Katzendingen vollkommen zu kontrollieren, kann die Situation bereits erheblich entschärft werden. Zwar wird hierdurch das Kratzen nicht automatisch eingestellt, zumal es sich zur Gewohnheit verfestigen kann, selbst wenn der ursprüngliche Auslöser ein Missstand war (Übergang zum selbstbelohnenden Verhalten), aber die Stress auslösenden Faktoren entfallen. Kein Lebewesen ist allerdings in der Lage, unter Stress gut zu lernen, sodass erst die Voraussetzungen stimmen müssen, damit Sie Ihre Kratzekatze umerziehen können. Wie beim territorial motivierten Kratzen ziehen unsichere Katzen Materialien vor, auf denen optische Spuren erkennbar sind, also Pappe oder ein anderes nachgiebiges Material, das sich anständig «schreddern» lässt.

Tipps gegen unerwünschtes Kratzen

  • Bestrafen Sie Ihre Katze nicht, wenn Sie sie beim Kratzen erwischen. Auch negative Beachtung wie Anschreien, Hinlaufen und in die Hände klatschen ist immer noch Beachtung, die Ihre Katze möglicherweise schätzt.
  • Strafen (Schlagen, mit Wasser bespritzen) ängstigen Ihr Büsi nur und erhöhen den Stresspegel. Sie gefährden das Vertrauensverhältnis zu Ihrer Katze!
  • Ignorieren Sie Ihre kratzende Katze stattdessen, evtl. sogar durch wortloses Verlassen des Raums – auch wenn es schwerfällt.
  • Verkleiden Sie wertvolle Gegenstände, die sich nicht wegräumen lassen, mit dicker Plastikplane und/oder Alufolie, um sie als Kratzgelegenheit unattraktiv zu machen. In ganz hartnäckigen Fällen leistet doppelseitiges Teppichklebeband auf der Plane «erste Hilfe».
  • Handeln Sie schnell: Analysieren Sie, warum die Katze kratzt beziehungsweise ziehen Sie professionelle Hilfe hinzu und bieten Sie geeignete Alternativen an, bevor Mieze ihre Vorliebe für Raufaser, Polsterstoffe oder Edelhölzer perfekt kultiviert hat.

Kratzbäume: die Lage zählt!

Wirklich gute Kratzbäume dienen – so paradox dies klingt – am allerwenigsten dem Kratzen. Sie sind, wie schon kurz erwähnt, gleichermassen Aussichts- und Spielplätze, aber auch Bühnen für die Selbstdarstellung unserer Stubentiger. Erst in diesem Kontext kommt gelegentlich das Kratzen ins Spiel, wofür ein etwa meterlanger unterster Stammabschnitt optimal ist (bevor ein Plattform- oder Höhlenelement folgt), der ein genüssliches Recken und Dehnen des gesamten Körpers erlaubt. Ein guter Kratzbaum sollte ausserdem stabil stehen und sein Standort ein gutes Katzenkinoprogramm bieten: ein unverhängtes Fenster mit Aussicht auf die Vogelwelt oder auf eine Strasse, wo sich aus sicherer Entfernung Menschen, Hunde und Autos beobachten lassen. Gleichzeitig möchte das soziale Katzentier jedoch stets darüber im Bilde sein, was die anderen Zwei- und Vierbeiner in den heimischen vier Wänden so treiben. Wählen Sie daher Stellplätze, an denen Sie regelmässig fernsehen, essen, lesen, handarbeiten und so weiter. Nur sehr scheue Katzen ziehen Kratzbäume in kaum genutzten Zimmern vor, sofern ihnen der Zugang als auch eine Fluchtmöglichkeit immer offen stehen. Natürlich sind auch Kratzbäume wichtige Ressourcen, von denen idealerweise zwei oder drei an gleichermassen attraktiven Plätzen im Wohnraum verteilt sein sollten, um die Konkurrenz zwischen mehreren Katzen klein zu halten.

Nicht am falschen Ende sparen

Leider sehe ich in meiner Arbeit immer wieder kleine, wackelige Konstrukte mit Plüschbezügen, an denen die Tiere mit den Krallen hängen bleiben können. Die Tatsache, dass vor vielen Jahren einer meiner eigenen Kater im Alter von vier Monaten an solch einem in damaliger Unkenntnis angeschafften Exemplar einen Salto vorwärts schlug, weil er sich beim Absprung mit der Kralle einer Vorderpfote im Bezug verhakte, hat mich besonders für dieses Thema sensibilisiert. Doch während mein Katerchen Glück hatte und bis auf einen Riesenschreck unversehrt blieb, kommen nicht alle Büsi so glimpflich davon: Ausgerenkte Schultern und abgerissene Krallen zählen zu den häufigsten Unfallfolgen, die auf lose Plüschbezüge zurückzuführen sind. Ein guter Kratzbaum sollte deshalb fest gespannte oder flächendeckend angeklebte Bezüge aufweisen. Bitte achten Sie auf gute Qualität, zumal langlebige Bäume für die Katzen durch vertraute Gerüche im Laufe der Jahre zu wichtigen Bezugspunkten werden – ein nicht zu vernachlässigender Aspekt, wenn ein Umzug ansteht.

Ich bin wichtig, und mir geht’s gut

Für das Kratzen zur Selbstdarstellung und Imponieren gegenüber den hauseigenen Zweibeinern werden besonders gerne Einrichtungsgegenstände angegangen, die zu seiner geschätzter Einrichtung zählen. Sehr viele Katzen haben die Gewohnheit, sich behaglich genau dann an der teuren Ledercouch oder dem antiken Ohrensessel zu recken und sich mit den Vorderpfoten daran einzuhaken, wenn ihr Mensch dort sitzt und – aus Katzensicht natürlich ein Frevel! – seine Aufmerksamkeit etwas anderem als der heimischen Mieze schenkt. Doch die Selbstpräsentation an Objekten, die für Katzenkrallen eigentlich tabu sind, hat natürlich für die kratzende Katze den angenehmen Effekt, dass sie umgehend beachtet wird, selbst wenn die Ansprache natürlich keinesfalls freundlich ausfällt.

Es bietet sich an, dem Büsi beizubringen, sein auf den Menschen bezogenes Selbstdarstellungsverhalten auf dem Kratzbaum zu präsentieren. Dies erreichen Sie sehr gut, indem Sie beispielsweise jedes Mal, wenn Sie nach Hause kommen, ein kleines Begrüssungsritual wie ausgiebiges Schmusen und Nasenküsschengeben dort zelebrieren. Viele Katzen lieben es, dabei mit ihrer Bezugsperson auf Augenhöhe zu interagieren. Am Anfang können Leckerli dabei helfen, der Katze den Ort wortwörtlich schmackhaft zu machen. Auch sollten Sie Ihr kätzisches Gegenüber ausgiebig loben, wenn es dort vor Publikum kratzt. Im Mehrkatzenhaushalt ist etwas Einfühlungsvermögen und Experimentieren gefragt, um für manche Mieze den idealen Ort zu finden. Die meisten Katzen teilen sich allerdings problemlos einen «Präsentierteller», wobei die Selbstdarstellungs- und Begrüssungsrituale dann zu verschiedenen Zeiten stattfinden. Wer zuerst begrüsst, muss nicht unbedingt die dominante Katze sein. Oft ist es diejenige, die die engste Beziehung zu ihrem Menschen pflegt.

Testen für einen guten Zweck

Auch das Komfortverhalten unserer Katzen kann an unterschiedlichen Materialien und Objekten ausgelebt werden. Hier lohnt es sich ebenfalls zum Schutz des Interieurs, die Präferenzen unserer bepelzten Mitbewohner herauszufinden und mit Alternativen zu experimentieren, falls unerwünschte Gegenstände unter den ausgefahrenen Krallen landen. Während die meisten Katzen gerne auf dem Kratzbaum posieren, ziehen andere niedrige oder ebenerdige Kratzmöglichkeiten vor. So manche Katze vergreift sich mit verzücktem oder zumindest arglosem Habitus an Teppichen und Läufern. Das ist häufig der Fall, wenn das bewundernde Publikum eher aus kätzischem als aus menschlichem Fussvolk besteht – oder Mieze feiert ihr Wellness-Programm selbstvergessen ganz ohne die Absicht, Zwei- und Vierbeiner zu beeindrucken, einfach nur, weil es sich richtig gut anfühlt, Widerstand unter den Pfoten zu spüren.

Für Katzen, die eher an horizontal oder schräg ausgerichteten Kratzgelegenheiten interessiert sind, ist es leider nicht ganz einfach, gute Produkte zu finden. Oft sind etwas Fantasie und handwerkliches Geschick gefragt, um alle Stubentiger in Hinblick auf individuelle Kratzpräferenzen zufriedenzustellen. Ein Beispiel ist eine halbrunde Säule für die Wandmontage, die – mit rutschfesten Gummifüsschen versehen – eine leicht erhöhte, standfeste horizontale Kratzfläche bietet. Es kann sich aber auch durchaus lohnen, in Baumärkten und Einrichtungshäusern nach Möbeln, Accessoires sowie Läufern und Matten Ausschau zu halten, die sich umwidmen lassen. Geeignetes Kratzmaterial sind ausser Sisal und Pappe beispielsweise Wasserhyazinthe, Bast und Kokos. Sie sollten jedoch unbedingt darauf achten, dass sich das selbe Material nicht an anderen Stellen in Ihrem Haushalt in Form von Einrichtungsgegenständen wiederfindet, sonst könnten sich Ihre Büsi arglos daran vergreifen, da sie es für ein völlig legitimes Kratzangebot halten.

Sie sehen, es ist gar nicht so einfach, den Ansprüchen unserer geliebten Samtpfoten gerecht zu werden. Eine gute Beobachtungsgabe, etwas Geduld und viel Experimentierfreude sind gefragt, um die Präferenzen einzelner Tiere festzustellen und passende Produkte zu finden, die überdies an strategisch relevanten Stellen zu platzieren sind. Doch die Mühe lohnt sich, denn durchdachte Angebote zum Kratzmarkieren können tatsächlich dazu beitragen, dass Stress abgebaut und das Risiko des Harnmarkierens verringert wird. Kätzische Wohngemeinschaften mit adäquaten Kratzgelegenheiten sind oft friedlicher und harmonischer als solche, in denen derartige Betätigungsmöglichkeiten fehlen oder unzureichend sind.

Checkliste zum Kauf von Kratzbrettern und -möbeln

  • Sind genug vernünftige Befestigungsmöglichkeiten für Wände und Winkel vorhanden (mindestens eine für jeden Winkel, bedarfsweise auch mehr als vier)?
  • Ist das zu bekratzende Material (zum Beispiel eine Sisalmatte) fest mit dem darunterliegenden Material verklebt, sodass es beim Kratzen Widerstand leistet und nicht ausbeult?
  • Sind die Kratzmöbel für den Boden standfest genug, um nicht ständig beim Kratzen umgerissen zu werden?
  • Ist die Kratzfläche breit genug (mindestens 25 Zentimeter), um die Gefahr des Abrutschens auf Tapeten oder Teppichen zu minimieren?

 

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geschrieben von:
Bettina von Stockfleth

Bettina von Stockfleth

Bettina von Stockfleth absolvierte ihre Ausbildung zur Tierpsychologin bei der Schweizer Akademie für Tiernaturheilkunde (ATN). Die engagierte Tierschützerin arbeitet in Deutschland, der Schweiz und Österreich als Verhaltenstherapeutin für Katzen und schreibt regelmässig für das Katzen Magazin. 2013 erschien ihr erstes Buch «Katzenkinder» im KOSMOS-Verlag, im Sommer 2015 der Tierschutz-Ratgeber «Katzen mit Geschichte» (BoD). www.mensch-und-katze.de

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