Böse Kratzekatze? Kratzmarkieren – ein ungeliebtes Verhalten

Würde man eine Umfrage unter Katzenhaltern starten, welches Verhalten ihrer Büsi sie am unangenehmsten finden, so würde das Kratzen an Möbeln, Tapeten und anderen Einrichtungsgegenständen wohl mit grosser Wahrscheinlichkeit auf Platz 2 landen – direkt hinter dem Urinieren auf Möbel, Tapeten und andere Einrichtungsgegenstände.

Doch Urin- und Kratzmarkieren haben ausser ihrer Unbeliebtheit noch weitere Gemeinsamkeiten: Beide zählen bei Gross- und Kleinkatzen – also auch unseren Haus- und Rassekatzen – zum normalen Kommunikationsverhalten, das leider sehr häufig von den Menschen missverstanden wird, und zwar von Haltern wie auch der Heimtierbranche, die leider vielfach nicht artgerechte Produkte (Katzentoiletten und Kratzbäume, Kratztonnen etc.) bewirbt. Auch liegen Urin- und Kratzmarkieren teilweise dieselben Motivationen zugrunde. Wer diese kennt und bei seinen eigenen Tieren identifizieren kann, welche Antriebe für unerwünschtes Kratzen verantwortlich sind, kann dafür sorgen, dass es in geordnete Bahnen gelenkt wird, mit denen Mensch und Katze gut leben können.

Betrachten wir daher zunächst die Motive dafür, warum Katzen sich so gerne mittels Kralleneinsatz an unserer Einrichtung vergreifen. Am besten bewaffnen Sie sich mit Stift und Notizblock und machen einmal einen Rundgang durch Ihre Wohnung oder Ihr Haus. Notieren Sie sich die Stellen, an denen «illegal» gekratzt wird und beschreiben Sie, was in unmittelbarer Nähe dieser Orte üblicherweise geschieht und wie die Interaktion aussieht, die Ihre Katze dort mit Ihnen, anderen menschlichen Haushaltsmitgliedern, Artgenossen und etwaigen anderen Haustieren pflegt. Sie könnten das eine oder andere Aha-Erlebnis haben.

 

Wenn die Spannung zu gross wird

In erster Linie kratzen Katzen, um innere Spannungen abzubauen. Mögliche Gründe sind schwelende, für uns nicht immer leicht erkennbare Konflikte mit Artgenossen, die Abneigung gegen eine (neu eingezogene) Katze oder Streitigkeiten um begehrte Ressourcen. Auch ältere Tiere, die körperlich nicht mehr so kräftig sind wie früher, versuchen oft mittels Kratzen ihren Status zu wahren. Auch macht sie so ihren Anspruch auf begehrte Ressourcen geltend beziehungsweise erhebt ein Veto, indem sie bei bereits vereinnahmten Ressourcen klarzustellen versucht, dass diese weiterhin ihr gehören.

Sehr oft entdecken wir daher Kratzspuren an Wänden und Türrahmen im Umfeld von Küchen, sofern dort regelmässig Futter serviert wird. Gerade wenn Katzen nur ein- oder zweimal pro Tag gefüttert werden, weil tagsüber niemand zuhause ist, steigert dies die Anspannung und Erwartungshaltung ungemein. Die Futterzeiten werden zum absoluten Highlight des Tages und der Anspruch auf gute Plätze für diese Mega-Events muss bekundet werden – gerade von unsicheren Tieren innerhalb einer Gruppe, die häufiger mal zu kurz kommen. Sie können ja keine Platzkarten kaufen.

Hier ist es hilfreich, entweder häufiger zu füttern und/oder im gesamten Wohnraum verteilt Intelligenzspielzeuge mit Futter aufzustellen, aus denen sich die Büsi verpflegen können, wann immer sie möchten. Mehrere kleine Portionen über den Tag verteilt zu verzehren und sich dafür auch anzustrengen, ist überdies artgerecht. Eine zusätzliche Option oder Alternative bei sehr verfressenen Mitgliedern einer Katzengruppe sind chipgesteuerte Futterautomaten. (Bitte achten Sie darauf, dass der angemessene Gesamtnahrungsbedarf pro Tag hierbei nicht überschritten wird.)

Ein weiterer neuralgischer Punkt ist das Umfeld von Wohnungs- und Haustüren. Als territoriale Tiere sind unsere Büsi kleine Kontrollfreaks. Was hinter verschlossenen Türen geschieht – so etwas Merkwürdiges gibt es in der Natur ja nicht –, ist grundsätzlich unheimlich, zumal Türen sich unerwartet immer wieder öffnen und nicht nur vertrauten, willkommenen Wesen, sondern auch Fremden Einlass gewähren, die intensive Gerüche und/oder fremde Dinge hineintragen. Die Katze wird konfrontiert mit Paketboten, Handwerkern oder Gästen, wobei Letztere sogar Bereiche des Katzenreviers vorübergehend okkupieren und teilweise auf den Kopf stellen.

In Mehrfamilienhäusern wurde mir mehr als eine Katze vorgestellt, die unter anderem gegen die Wohnungstür urinierte (und zusätzlich vehement im Bereich dieser Tür kratzmarkierte), weil regelmässig Hunde anderer Bewohner hier vorbeikamen, wobei die vielleicht auch mal neugierig die Schwelle inspizierten. Andere Katzen reagieren besonders empfindlich auf ungewohnte Geräuschkulissen wie Baustellenlärm und natürlich ganz extrem auf Artgenossen, die an der Hauswand ihre Marken setzen und/oder das Haus belagern. Je unsicherer eine Miez ist, desto eher wird sie auf diese Mittel zurückgreifen, die gewissermassen ihre Version eines hohen Zauns mit «Betreten verboten!»-Schild sind. Hier können legale Kratzmöglichkeiten wie grossflächige Kratzbretter oder -säulen helfen, das Urinmarkieren einzudämmen.

Sollten sich Kratzspuren in der Nähe von Katzenklappen befinden, überlegen Sie, ob eine fremde Katze ins Haus eingedrungen sein könnte oder ob Sie Tiere in Ihrer Gruppe haben, die sich hier gegenseitig auflauern. Häufiger wird in diesen Fällen allerdings mit Urin markiert. Am ehesten hilft in diesem Fall der Einbau einer weiteren Katzenklappe, was leider nicht immer machbar ist. (In seltenen Fällen durchbricht ein fremdes Tier sogar eine chipgesteuerte Klappe, aber falls Sie keine haben, lassen Sie unbedingt die eigenen Tiere chippen lassen und eine entsprechende Klappe einbauen.)

 

Poledance auf Katzenart

Gut, der Vergleich ist vielleicht ein bisschen weit hergeholt, weil das Kratzmarkieren meines Wissens nach keine erotische Komponente beinhaltet. Aber ein weiteres Motiv für dieses Verhalten ist tatsächlich die möglichst vorteilhafte Selbstdarstellung, ein explizites Sich-in-Szene-Setzen. Wir beobachten es häufig nach einer Auseinandersetzung zwischen zwei Katzen, wobei eher spielerische Kabbeleien ohne Flucht einer Partei hierzu führen. Nach der Rauferei präsentiert sich vor allem die unterlegene Katze gerne am Kratzbaum oder eben an einer von ihren Zweibeinern dafür nicht vorgesehenen Kratzmöglichkeit, wo sie sich mit grossem Körpereinsatz reckt, streckt sowie mit ernsthaftem Gesichtsausdruck kratzt. Durch diese Vorführung wird das angeknackste Selbstbewusstsein wieder aufgerichtet, aus der Rauferei oder Verfolgungsjagd verbliebene Anspannung abgebaut, und katz zeigt einfach, dass sie hier auch noch etwas zu melden hat.

Ebenfalls der Selbstdarstellung dient eine Vorführung, die Sie vielleicht von eigenen Tieren kennen: Sie kommen nach einer für Ihre Tiere ungewohnt langen Abwesenheit nach Hause und sofort nach der Begrüssung an der Tür preschen Ihre Katzen zu ihrem Lieblingskratzbaum und starten eine Vorführung, die so ausfällt wie im vorherigen Absatz beschrieben. Hier scheinen mehrere Motive beteiligt zu sein: Zum einen das Bedürfnis, innere Spannung aufgrund der langen Abwesenheit der Ressource Mensch abzubauen sowie Kratzen als Ventil für freudige Erregung aufgrund der Rückkehr dieses Menschen, zum anderen die Präsentation der Katze als (Mit-)Revierinhaberin, die vielleicht auch betonen möchte, dass der heimgekehrte Mensch nunmehr seine Pflichten ihr gegenüber erfüllen sollte, also Beachtung schenken, sie füttern etc.

Meine eigenen drei Kater zeigen dieses Verhalten sehr ausgeprägt und ritualisiert, wenn ich mir mal ein langes Wochenende auswärts gönne: Sobald ich aufschliesse, höre ich bereits jemanden an der Kratzsäule kratzen, die sich hinter der Zwischentür befindet. Ich kann nicht sehen, wer es ist, tippe jedoch aufgrund des Kratzrhythmus auf meinen ältesten Kater Tharuk. (Mit ihm verbindet mich die längste und engste Beziehung, und möglicheweiser vermisst er mich auch am meisten.)

Nachdem ich die Zwischentür geöffnet habe und etwaiges Gepäck inspiziert wurde, laufen die drei schnurstracks ins Wohnzimmer, wo zwei deckenhohe Kratzbäume stehen. Ich komme meiner moralischen Verpflichtung nach und gehe hinterher, um Rodrigos und Quentins Kratzduett mit viel Lob zu würdigen, während Tharuk mich beschmust. Erst dann fällt allen dreien ein, dass ich sie doch füttern könnte. (Ein guter Freund erledigt das äusserst gewissenhaft, aber das kann ich aus ihrer Sicht ja nicht wissen, und so probieren sie es gegebenenfalls noch mal, indem sie mich miauend und mit herzerweichenden Blicken in die Küche «führen».)

 

Katzengerechte Kratzmöglichkeiten

Kratzen zählt auch zum sogenannten Komfortverhalten, fühlt sich also einfach gut an und dient der körperlichen Fitness. Wie gut es tut, sich zu recken und zu strecken, wissen wir selbst – wir tun es häufig unbewusst nach monotoner Arbeit oder morgens direkt vor oder beim Aufstehen. Es regt die Durchblutung an und ist eine Wohltat für Skelett, Muskeln und Sehnen. Unseren vierbeinigen Freunde hilft es so, agil und «einsatzbereit» zu bleiben. Zu vernachlässigen ist dagegen der Aspekt des Krallenwetzens, der leider von der Heimtierbranche ad absurdum zitiert wird. Selbstredend werden alte Krallenhülsen unter anderem beim Kratzmarkieren abgestreift, aber genauso oft – wenn nicht öfter – entledigen sich Katzen ihrer durch Beknabbern der Krallen.

Ausser Acht lässt die Heimtierbranche leider das Bedürfnis von Katzen, sich in gesamter Körperlänge gestreckt in vertikale Kratzflächen einhängen zu können. Ein grosser, langbeiniger Kater kann von den Zehenspitzen der Hinterläufe bis zu den Vorderpfoten schon mal einen Meter Länge erreichen, weshalb 80 bis 100 Zentimeter Stammlänge vom Boden aus ein Muss sind. Die meisten Kratzbäume besitzen aber nur 50 bis 60 Zentimeter kurze Stämme, die selbst bei grossen Bäumen durch verschiedene Höhlen- und Liegeelemente getrennt sind. Abgesehen davon, dass selbst einer durchschnittlich grossen Katze das Ausstrecken in voller Körperlänge hier nicht gelingen kann, ist ein Kratzbaum kein Multifunktionsgerät.

Im Gegenteil – Kratzbäume mit dicht an dicht angeordneten Höhlen, Mulden und Spielzeuganhängern provozieren Konflikte, beispielsweise wenn eine Katze die höchste Liegefläche als Schlafplatz nutzt und ein Artgenosse unten am Baum kratzt. Das kann im günstigsten Fall als Ruhestörung aufgefasst werden und das gestörte Tier verlässt den Platz genervt, schlimmstenfalls wird es aber als unverschämte Provokation (Selbstdarstellung, Revieranspruch des kratzenden Tiers) betrachtet und es kommt zum Schlagabtausch. Wiederholen sich solche Vorkommnisse öfter, ist die Nutzung des Kratzbaums ziemlich schnell sämtlichen Feliden eines Haushalts verleidet und er wird nur noch ignoriert. Ich habe schon etliche umgewidmete, meist ziemlich eingestaubte Exemplare in Fluren und Wohnräumen bewundern dürfen.

Ideal sind hohe, möglichst bis zur Decke reichende Kratzbäume, die lange, ununterbrochene Stammsegmente aufweisen, die nach einem Meter oder etwas höher kleine Trittflächen aufweisen. Grundsätzlich sind mehrere Plattformen kein Problem. Als Liegefläche reicht  jedoch meist eine einzige im oberen Bereich des Baums. Aus grosser Höhe betrachtet katz die Welt gleich viel gelassener und wenn unten mal gekratzt wird, wird das meist gelassen gesehen. Sollte ein kätzischer Mitbewohner versuchen, den Platz mit Aussicht streitig zu machen, lässt dieser sich gut verteidigen. Nach ein paar Pfotenhieben sind selbst Katzen, die gerne stänkern vertrieben. Taktiken wie seitliches Wegdrängeln oder sich sogar auf die andere Katze setzen greifen nicht, da der Aggressor gar nicht erst so weit kommt. Besonders ängstlichen Katzen oder solchen, die in nicht besonders harmonischen Gruppen leben, helfen seitliche Ausweichmöglichkeiten wie Catwalks an der Wand oder nur einen Katzensprung entfernt ein weiterer Baum.

Hoch im Kurs stehen auch Kratzsäulen und -bretter. Insbesondere die seit einigen Jahren erfreulicherweise erhältlichen Kratzmöbel aus Wellpappe sind praktisch und katzengerecht – vorausgesetzt, sie sind gross genug, um die Katze bequem darauf stehen oder sitzen zu lassen, während sie kratzt. Manche Büsi bevorzugen das Kratzen in der Horizontalen, und da Kratzbretter leicht zu platzieren sind, lohnt es sie dort anzubieten, wo schon einmal mit Urin markiert wurde. Auch notorische Tapetenkratzer sind oft leichter an Kratzpappen als an Sisalumwickeltes zu gewöhnen. Beim Kratzen bleiben nämlich nicht nur flüchtige Geruchsmarken durch die Schweissdrüsen an den Pfoten zurück, sondern auch dauerhafte visuelle Spuren. Die manchmal scherzhaft als Katzenkunst bezeichneten Werke könnten wirklich eine Bedeutung für die «Künstler» haben – welche, wissen wir leider nicht. Zumindest sagen sie auf Dauer «Ich war hier!».

Werden ganze Wandflächen zerkratzt, können an den Wänden befestigte Jute- oder Sisalläufer Abhilfe schaffen. Ein kleiner Trost für Halter, denen der Gedanke an derartige Wanddeko widerstrebt: Es gibt so viele Farben und Dessins, dass sich etwas Passendes finden lassen sollte. Achtung: Das gleiche Material darf nicht anderswo als Bodenbelag dienen. Nicht alle Katzen differenzieren hier, und da Kratzen ein haptisches Erlebnis mit Selbstbelohnungscharakter ist, könnten sie sich hieran vergreifen, weil sie das Material anderswo ebenfalls attraktiv finden.

Zu guter Letzt: Loben Sie Ihre Katzen immerfür die Nutzung erlaubter Kratzmöglichkeiten. Das ist anfangs vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig, sollte Ihnen aber in Fleisch und Blut übergehen, da es unsere kleinen Freunde ungemein motiviert und ihr Selbstvertrauen aufbaut. Aber Sie müssen es ernst meinen, denn reine Lippenbekenntnisse werden schnell als solche erkannt. Kratzen an unerwünschten Stellen dagegen ignorieren Sie bitte und verlassen kommentarlos den Raum, wenn es nicht anders geht. Betrachten Sie es als eine Übung in Selbstbeherrschung und denken Sie daran: Auch negative Beachtung wie Schimpfen, Verscheuchen ist immer noch Zuwendung. Völlig verkehrt ist das Weglocken mit Spielzeug oder Futter, da es Ihrer Katze einen Weg aufzeigt, mit relativ geringem Aufwand Begehrtes zu bekommen. Viel Erfolg wünscht

Hier können Sie den Artikel aus dem Magazin als PDF ansehen

geschrieben von:
Bettina von Stockfleth

Bettina von Stockfleth

Nach ihrer Ausbildung zur Tierpsychologin spezialisierte Bettina von Stockfleth sich auf Katzen, da diese Tiere immer noch häufig missverstanden werden und es für die Halter meist schwer ist, kompetente und einfühlsame Hilfe zu erhalten. Ein besonderes Anliegen ist ihr die artgerechte Haltung und Beschäftigung von Wohnungskatzen sowie die optimale Gestaltung von Mehrkatzenhaushalten. Sie ist erfolgreiche Autorin dreier Bücher und bildet sich regelmässig in Verhaltensforschung und -medizin fort, um Mensch und Tier optimal helfen zu können. www.mensch-und-katze.de

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