Handaufzuchten ticken anders…

Von Hand aufgezogene Katzen ticken anders. Selbst erfahrene Katzenhalter können mit einem Büsi, das ohne Mutter und womöglich auch ohne Geschwister oder kätzische Ersatzfamilie aufwuchs, so manche Überraschung erleben. Nicht immer treten bei einer Handaufzucht auffällige Verhaltensweisen auf, und «auffällig» bedeutet auch nicht zwangsläufig «problematisch». Aber manche Abweichungen von der Verhaltensnorm sind nicht von der Hand zu weisen, da sie deutlich gehäuft auftreten. Es lohnt sich also, einen Blick auf diese etwas anderen Katzenpersönlichkeiten zu werfen.

Im November 2015 adoptierte ich nach reiflicher Überlegung einen jungen erwachsenen Kater aus dem Auslandstierschutz. Mein Kater Eddy war im September desselben Jahres verstorben und sein bester Freund Rodrigo trauerte herzzereissend. Obwohl ich innerlich noch nicht bereit war, machte ich mich daher wenige Wochen nach Eddys Tod auf die Suche nach einem passenden Tierschutzkater. Ein Roter sollte es wieder sein (da meine Kater rote Artgenossen positiv verknüpft haben), gut auf andere Katzen sowie Menschen sozialisiert und mit einer gewissen Portion Durchsetzungsvermögen ausgestattet, um von Rodrigo und Tharuk nicht untergebuttert zu werden.

Trotz sorgfältigster Auswahl war ich vorsichtig bei der Zusammenführung, denn gerade trauernde Katzen reagieren nicht immer begeistert auf einen Neuzugang. So richtete ich ein Zimmer mit Gittertür her, das Kater Quentin nach einer 53-stündigen Fahrt quer durch Europa bezog. Das bereitgestellte Klo wurde sofort eingeweiht und der Raum inspiziert. Meine Kater blieben erst mal auf Distanz, zeigten jedoch keinerlei Feindseligkeit. Nachdem Quentin sich ausgiebig geputzt hatte, betrat ich den Raum, um ihm eine erste Mahlzeit anzubieten. Was dann geschah, traf mich und meine Katzen völlig unvorbereitet.

Der Neue hüpfte blitzschnell auf meine Schulter, von dort auf den Rahmen der von innen nicht verriegelbaren Gittertür, um auf der anderen Seite im Flur zu landen und sofort die Treppe herunterzusausen. Auf einer Stufe sass ein reichlich perplexer Tharuk, dem Quentin im Vorbeilaufen ein Nasenküsschen verpasste, bevor er im Erdgeschoss um die Ecke bog. Ich stürzte an dem immer noch wie vom Donner gerührt dasitzenden Ruki vorbei, um notfalls in die erste Begegnung mit Rodrigo eingreifen zu können. Doch der junge Bulgare hatte offenbar beschlossen, auch diese im Schnelldurchlauf abzufeiern: Reichlich aufdringlich beschnüffelte er den Po des völlig überrumpelten kleinen Spaniers, der so ungläubig aus der Wäsche schaute, dass man meinen könnte, er habe in dem roten Neuzugang Eddys Geist gesehen. Sekunden später wandte Quentin sich Rodrigos Vorderseite zu und leckte ihm ausgiebig den Kopf ab.

Ein Merkmal der Handaufzucht: Distanzlosigkeit

Glücklicherweise wurde diese Überrumplungstaktik toleriert und das Thema «Zusammenführung mit Gittertür» war somit nur drei Stunden nach Quentins Ankunft passé: Er und Rodrigo sind gute Freunde geworden; das Verhältnis zu Tharuk ist nicht immer entspannt, aber okay. Auch ich wurde vom Tag seiner Ankunft an ebenso vertrauensvoll wie hemmungslos von dem jungen Kater in Beschlag gelegt. So wird mein Schoss gerne in den ungünstigsten Momenten erklommen, wenn meine Konzentration gerade ganz woanders ist, zum Beispiel am Schreibtisch vor dem PC. Im Bett wird umhergetrampelt und in mein Gesicht getatzt (Bist Du wach? Nein? Jetzt schon, oder?) Es wird gestrampelt, getretelt, gesabbert und gegurrt. Das alles erfolgt mit grösster Hingabe, wobei stets erkennbar ist, dass es ausschliesslich um Quentins Bedürfnisse geht. Das gleiche Verhaltensmuster ist sichtbar beim Kontaktliegen mit seinen Katerkumpels. Ob diese gerade schlafen möchten, ist ihm vollkommen gleichgültig. Der rote Frechdachs lebt offenkundig nach dem Motto: «Hoppla, hier komme ich!» (…)

 

Den vollständigen Artikel finden Sie im KM 5/17.

geschrieben von:
Bettina von Stockfleth

Bettina von Stockfleth

Bettina von Stockfleth absolvierte ihre Ausbildung zur Tierpsychologin bei der Schweizer Akademie für Tiernaturheilkunde (ATN). Die engagierte Tierschützerin arbeitet in Deutschland, der Schweiz und Österreich als Verhaltenstherapeutin für Katzen und schreibt regelmässig für das Katzen Magazin. 2013 erschien ihr erstes Buch «Katzenkinder» im KOSMOS-Verlag, im Sommer 2015 der Tierschutz-Ratgeber «Katzen mit Geschichte» (BoD). www.mensch-und-katze.de

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