Amputation von Gliedmassen bei der Katze

Amputation von Gliedmassen bei der Katze

Ein Leben mit drei Beinen ist möglich

Es gibt immer wieder medizinische Fälle, in denen man gezwungen ist, eine Gliedmasse der Katze zu amputieren. In der Regel ist diese Indikation ein Schock für die Katzenbesitzer, da sie sich nicht vorstellen können, wie ihr Liebling mit «nur» drei Beinen zurechtkommen soll. Diese Angst führt dazu, dass Gliedmassenamputationen, die aus veterinärmedizinischer Sicht indiziert sind, viel seltener durchgeführt werden als andere orthopädische Eingriffe. Katzen, die mit einer Amputation sehr gut weiterleben könnten, werden traurigerweise immer noch zu häufig eingeschläfert.

Text: Dr. Gabi Rummel

Das liegt zum Teil auch mit daran, dass viele Besitzer erst gar nicht über die Möglichkeit einer Beinamputation beim Kleintier informiert werden oder sind. Recherchiert man im Internet, so stösst man dort auf viele ängstliche und besorgte Fragen, auf die es viele unqualifizierte Kommentare gibt. So zeigte schon eine Untersuchung aus dem Jahre 1999 der Universitäten Zürich und Berlin (Kleintierpraxis, 44. Jahrgang, Heft 3, S. 169 bis 176), dass 95 Prozent der Tierhalter mit der Amputation so zufrieden sind, dass sie, vor die gleiche Entscheidung gestellt, sich immer wieder für eine Amputation entscheiden würden.

Oft ist eine Amputation die einzige Möglichkeit für die Katze, schmerz- und beschwerdefrei weiterleben zu können. Dieser radikale Eingriff ist notwendig, wenn die Katze nach einem schweren orthopädischen oder neurologischen Trauma eine so starke Schädigung erleidet, dass eine erhaltende chirurgische Operation nicht mehr möglich ist. Auch inoperable Tumore zwingen zu diesem Eingriff. Eine häufige Schädigung ist der Abriss des Nervus radialis: Dann kann die Vordergliedmasse nur noch über den Boden geschleift werden. Auch bei dieser nur peripheren Nervenschädigung ist die Lösung für ein weiteres schmerzfreies Leben die Amputation des Beinchens.

Bei Katzen mit sehr starker Schädigungen der Gliedmasse sind die Ursachen in der Regel Autounfälle oder das tierquälerische, verbotene Aufstellen von Schlagfallen, die eine Gliedmasse völlig zerschmettern.

So war es auch bei Mäxchen, einem jungen Bauernhofkater. Eine verboten aufgestellte Schlagfalle hatte ihm den linken Vorderlauf völlig zerschmettert. Er fand trotz des schweren Traumas, der grossen Schmerzen und des Blutverlustes nach Hause. Eigentlich konnte die Bauernfamilie sich nicht vorstellen, wie eine dreibeinige Hofkatze zurechtkommen sollte. Doch nach einem intensiven Aufklärungsgespäch bekam Max seine Chance: Der Vorderlauf wurde amputiert, die Rekonvaleszenz verlief sehr gut. Max lernte schnell, sich auf drei Beinen fortzubewegen und konnte schon nach drei Tagen stationären Aufenthalts in der Praxis wieder nach Hause.

Der Entschluss, dem geliebten Tier ein Bein amputieren zu lassen, fällt verständlicherweise allen Tierbesitzern schwer. Sie befürchten, dass ihr Tier schwer behindert sein wird und somit keine adäquate Lebensqualität mehr hat. Das ist jedoch ein grosser Irrglauben. Schon nach zwei bis vier Wochen ist die Katze in ihrer Beweglichkeit kaum noch von dem gesunden Tier zu unterscheiden. Einem nicht informierten Beobachter fällt es in der Regel nicht auf, dass dem Kätzchen ein Bein fehlt.

Kater Lucky kam mit einem verkrüppelten Beinchen auf die Welt. Der Stumpf stupste immer auf den Boden und entzündete sich. Auch hier liess sich die Besitzerin überzeugen, dass die Amputation die Lebensqualität ihres Lieblings verbessern würde, was sich auch bestätigte: Lucky wurde noch fröhlicher und anhänglicher.

Die operierten Tiere fangen Mäuse, klettern auf Bäume und sitzen auf ihrem Katzenbaum; sie können sowohl drinnen wie draussen ihr gewohntes Leben weiterführen. Katzen vergessen schnell, dass ihnen eine Gliedmasse fehlt; sie kommen elegant mit ihrer «Behinderung» zurecht.

Schädigung des Nervus radialis

Es gibt verunfallte Katzen, die mit einem grossen Schrecken davongekommen sind. Sie sind nahezu unversehrt, nur ein Vorderlauf kann nicht mehr belastet werden. Die Katze sackt ein und schleift mit dem Pfotenrücken über den Boden; sie scheint keine Schmerzen zu haben und humpelt agil durch ihr Revier.

Die neurologische Untersuchung zeigt dann, dass der Nervus radialis, der zum Vorführen der Vorhand nötig ist, geschädigt wurde. Initial lässt sich nicht entscheiden, ob diese Schädigung reversibel oder dauerhaft ist. Hier ist einzig Abwarten gefragt, und dies kann durchaus sechs bis acht Wochen dauern. Im günstigsten Fall erholt sich der Nerv und die Pfote kann wieder belastet werden. Schon mehrfach konnte dieser Prozess beobachten werden. Darum ist ein geduldiges Abwarten von Vorteil.

In der «Erholungszeit» muss penibel darauf geachtet werden, dass sich keine Sekundärschäden entwickeln. Günstig ist es, die Pfote unter einen leichten, versteiften Verband zu setzen, Akupunktur, Elektrostimulans und Physiotherapie durchzuführen, um eine nervale Restaktivität zu erhalten und Muskelverkürzungen zu vermeiden. Kommt es nach dieser Zeit zu keiner Besserung, sind in der Regel keine weiteren Fortschritte mehr zu erwarten. In diesem Moment fällt die Entscheidung für eine so radikale Lösung wie die Amputation besonders schwer, da das Bein ja nahezu unversehrt erscheint. Dabei darf aber nicht unterschätzt werden, dass auch gelähmte Gliedmassen grosse Schmerzen auslösen können. Vor allem aber besteht durch das Aufschürfen der Pfote beim Schleifen über den Boden die Gefahr der chronischen Infektion. Lecken und Beissen in die Pfote verschlechtert den Zustand erheblich. Oftmals empfinden die geschädigten Katzen das Bein als störend (Nervenkribbeln) und versuchen es abzubeissen (Automutilation).

Die Behandlung bei der Amputation

Das Wichtigste ist die frühzeitige Behandlung der Schmerzen. Vom Menschen weiss man, dass die komplette Schmerzausschaltung schon Tage vor dem Eingriff seltener zum Phantomschmerz führt. Ob Tiere Phantomschmerzen haben, können wir nicht belegen, doch sollten Tiere genau wie Menschen ein optimales Schmerzmanagement erfahren.

Auch in der Katzenmedizin verfügt man über ausreichend wirksame Schmerzmedikamente. Um eine vollkommene Schmerzausschaltung zu erreichen, werden die kleinen Patienten stationär aufgenommen und präoperativ über den Venenkatheter zusätzlich zu den klassischen Schmerzmitteln wie nichtsteroidalen Antiphlogistika mit Morphinderivaten versorgt. Diese wirken allerdings nur einige Stunden, sodass die Gabe über den Tag mehrmals erfolgen muss.

Zur Operation wird das Kätzchen sediert, ein Tubus in die Luftröhre geschoben, und die Narkosemaschine angeschlossen. Schläft das Tier dann tief, werden die Blutgefässe abgebunden, der Hauptnerv wird nochmals örtlich betäubt und dann wird die verletzte Gliedmasse abgesetzt.

Für das Tier ist der Eingriff schmerzfrei, wenn die nervale Versorgung des zu amputierenden Beines mit Lokalanästhetika stillgelegt wird und vor dem Abtrennen der Nerven diese nochmals gesondert lokal infiltriert werden. Abschliessend wird die Wunde wieder geschlossen und unter Verband gelegt.

In der Literatur wird die hohe Amputation empfohlen, das heisst, dass beim Vorderlauf auch das Schulterblatts und beim Hinterlauf der komplette Oberschenkel amputiert werden soll. In der Fachliteratur wird generell die hohe Amputation empfohlen; das bedeutet für den Hinterlauf die Abtrennung des Beines in der Hüftpfanne und für den Vorderlauf die Abtrennung incusive des kompletten Schulterblattes. Wir belassen allerdings das Schulterblatt bei den Katzen und haben noch nie Komplikationen gehabt. Zudem ist es ästhetisch schöner.

Stationäre Versorgung

Postoperativ bleibt das Kätzchen einige Tage zur stationären Überwachung in der Praxis. Es wird weiterhin mit Infusionen, Antibiotika und Schmerzmitteln versorgt. Sobald der kleine Patient wieder munter ist, erhält er ein Lauftraining. Es sollte mehrmals täglich mit ihm geübt werden. Dazu kann er zunächst unterstützt werden, um bald frei an der Wand entlang zu laufen. So lernt die Katze schnell ihr Gleichgewicht zu kontrollieren. Katzen, deren Verletzungen nicht akut sind – wie nach einem Unfall – und die sich schon länger mit dem verletzten Bein humpelnd fortbewegt haben, können sofort nach der Operation auf drei Beinen laufen, die anderen erlangen ihr Gleichgewicht bei entsprechender Übung in drei bis maximal fünf Tagen zurück.

Sobald die kleinen Patienten auf ihren drei Beinen alleine laufen können und auch sonst wieder munter sind, werden sie nach Hause entlassen. Der stationäre Aufenthalt beläuft sich in der Regel auf drei bis sechs Tage – je nachdem wie schwer die Verletzung war.

So unterstützen Sie Ihre beinamputierte Katze

Von tierärztlicher Seite muss die beinamputierte Katze in den nächsten zwei Wochen nur noch zum Verbandwechsel und zum Fädenziehen in der Praxis vorgestellt werden. Zuhause bereiten Sie Ihrem Stubentiger ein weiches Lager, das er zunächst ohne Springen erreichen kann. Die Toilette muss stets penibel sauber sein, da die Katzen nicht mehr wie gewohnt scharren können. Einen Freigänger lassen Sie bis zum Fädenziehen auf jeden Fall in der Wohnung und führen ihn – sofern er es zulässt – in der ersten Zeit nur kontrolliert an der Leine aus. Mit der Zeit lernt Ihre Katze ihre Fähigkeiten einzuschätzen und erweitert ihre Abenteuerstreifzüge.

Fazit

Katzen haben mit drei Beinen bedeutend weniger Probleme als Hunde. Sie lernen schneller das Laufen auf drei Beinen und haben auch weniger Probleme mit sekundärer Arthrosebildung im kontralateralen Bein, da sie leichtgewichtiger sind. Die Amputation ist auch eine Alternative zur Euthanasie bei Tumorpatienten, wenn der Tumor noch nicht generalisiert ist. Die Amputation einer Gliedmasse ist in jedem Fall zu bejahen. Sie kann Ihrer Katze noch eine schöne, schmerzfreie Zeit schenken.

Hier können Sie den Artikel aus dem Magazin als PDF ansehen

geschrieben von:
Dr. Gabi Rummel

Dr. Gabi Rummel

Dr. Gabi Rummel ist in 3. Generation Tierärztin. Bereits im Alter von vier Jahren stand für sie dieser Beruf fest. Heute führt sie in Nidderau bei Frankfurt eine Gemeinschaftspraxis für Kleintiere. Ihre fachliche Leidenschaft gilt den internistischen Erkrankungen von Katzen. Seit 2001 ist sie Mitglied der International Society of Feline Medicine und Gründungsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Katzenmedizin (2011). Zuhause warten Sarangha, eine Bengalkatze, und Shahin, ein italienischer Charmeur, auf sie. Ein Leben ohne Katzen ist für sie nicht vorstellbar. www.tierarztpraxis-rogalla-rummel.de

5 Kommentare zu “Amputation von Gliedmassen bei der Katze

  1. Nicole steigleder

    Meinem Kater wurde vor 2 Wochen das rechte Hinterbein amputiert. Als nach 5 Tagen das Schmerzmittel metacam runtergefahren wurde fing er plötzlich an rückwärts zu laufen und sich dabei im Kreis zu drehen. Er fauchte und schrie dabei. Daraufhin bekam er nochmal für 3 Tage Morphin gespritzt und ist gleich viel besser gelaufen. Das ständige körperzucken hörte auf und nach 3 Tagen lief er auch nicht mehr rückwärts. Nachdem er dann wieder raus durfte fing das ganze von vorne an. Der Orthopäde hält von Phantomschmerzen und Morphin gar nichts. Fakt ist aber, dass es ihm dabei besser ging. Welchen Rat können Sie geben?

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  2. Fama C.

    Ich musste meinem Kater (2jahre) ,schweren Herzens wegen eines Unfalls das linke Vorderbein amputieren lassen.Ich hatte schlaflose Nächte , da ich nicht wusste ob ich die richtige Entscheidung treffen würde für ihn. Wir hatten zwei Möglichkeiten .Die Amputation oder aber ein Eisengestell (6-8 monate Tragedauer) ohne Garantie das er danach Schmerzfrei und normal laufen kann.Im Endeffekt habe ich mich für die Amputation entschieden Dieser Eingriff ist fast ein Jahr her und ich kann sagen , es war genau das richtige .Er rennt, spielt klettert und tobt mit seinem Bruder weiterhin ganz unbekümmert. Er hat es von Anfang an sehr gut gemeistert.Ich würde mich wieder dafür entscheiden , denn meinem Schatz geht es sehr gut und das ist die Hauptsache.

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  3. Petra Tierscherl

    Wir haben am Wochenende ein ca. 6 Wochen altes, weibliches Kätzchen, das in einer Art Schlinge hängen geblieben ist, von einem Bauernhof mitgenommen. Dort wäre sie nicht behandelt worden. Leider ist das linke Hinterbein nicht mehr zu retten (die Verletzung ist schon über 2 Wochen alt) und wird am 6. September amputiert. Die Kleine ist aber eine echte Kämpferin und sehr aktiv also hoffen wir, dass alles gut geht und sie danach wieder die volle Lebensqualität hat. Hoffe sie übersteht die zweite Sedierung/Narkose innerhalb von 8 Tagen gut. Leider wurden wir weder über Vorbehandlung (ev. Schmerztherapie) noch über die Nachbehandlung informiert. Es wurde uns nur ein Termin gegeben. Ich glaube es ist auch geplant, die Katze am selben Tag, wieder in häusliche Pflege zu übergeben. Zumindest wurde nichts über einen ev. stationären Aufenthalt gesagt. Schon eigenartig. Da muss ich mich wohl noch einmal schlau machen.

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    1. Sandra Süess

      Oh, wie schrecklich! Da hatte das Kleine unheimlich Glück, dass Sie sich ihr angenommen haben. Wir drücken der kleinen Kämpferin die Daumen! Bezüglich der Behandlung fragen Sie doch am besten direkt die Ärzte, die können Ihnen am besten Auskunft geben.
      Herzliche Grüsse und alles Liebe
      Redaktion KM

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  4. Wolfgang Lindner

    Wir haben seit eh und je Katzen aus einem Tierheim, vornehmlich ältere, da wir ja auch n icht mehr taufrisch sind. Seit ca. einem Jahr hat sich ein Streuner zu uns gesellt; er verträgt sich mit unserem Kater (ist zwar keine Liebe) und ich bin immer wieder fasziniert, mit welchem Elan er am „Katzenleben“ teilnimmt. ER IST NÄMLICH EIN DREIBEINIGER KERL. Sprünge aufs Fenster, Klettern am Baum oder Balken ist für ihn kein Problem – am liebsten sitzt er auf dem Holzstoß und schaut auf seine Umgebung. Wenn es ans essen geht, rennt er mir hinterher – einfach toll, der alte Knabe. Deshalb sollte man keine Angst vor der Behinderung haben, eine Katze kommt damit gut zurecht. Ich nehme aber an, daß unser „Untermieter“ ausgesetzt wurde, weil er behin ert und somit unansehnlich geworden ist; es ist vom Charakter her ein lieber und vom Aussehen her ein schöner Kater – fir uns jedenfalls.

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