Aggressive Katzen: Stubentiger auf Menschenjagd

«Stubentiger» nennen wir unsere Katzen gerne liebevoll und erfreuen uns an ihrer Anmut und Geschmeidigkeit. Wir bewundern unsere kleinen Jäger, wenn sie Krallen und Zähne blitzschnell in ein erjagtes Schaumstoffbällchen oder eine Spielzeugmaus schlagen. Sobald aber Miezes Klauen und Zähne sich tief in unsere Knöchel bohren, die geliebte Schmusekatze sich unerwartet in unsere Arme verbeisst oder sogar in Richtung Gesicht ausholt, erkennen wir mit Schrecken selbst in einer zarten Vier-Kilo-Katze ein ernstzunehmendes Gegenüber: ein zwar kleines, aber ausgesprochen wehrhaftes Raubtier, dessen Waffenarsenal uns nicht nur Schmerzen, sondern auch schwere Verletzungen zufügen kann…

Text: Bettina von Stockfleth

Zu den körperlichen Wunden des Katzenbesitzers kommen noch die seelischen Blessuren: Menschen, die ihr Tier lieben und es nach bestem Wissen hegen und pflegen, sind schockiert, wenn ihr Liebling sich plötzlich gegen sie wendet. Je nach Typ, Situation und vorherrschender Stimmung reagieren sie entweder spontan empört-aggressiv (auch mit handgreiflicher Gegenwehr) oder aber tieftraurig, erschüttert und nicht selten nachtragend auf den «Vertrauensbruch» ihrer Fellnase. Dies ist verständlich, denn wir sind ja schliesslich auch nur Menschen und damit emotionale Geschöpfe.

Doch gerade weil Katzenattacken so traumatisch, schmerzhaft und unter Umständen gefährlich sind, ist es wichtig, ihre Gründe so objektiv wie möglich zu hinterfragen, sobald der erste Schock überwunden ist und etwaige Verletzungen verarztet wurden. Keine Katze greift ohne Grund an! Es wäre ungerecht, den Vorfall damit abzutun, dass die Katze einfach ein «falsches Vieh» oder «verrückt» ist. Und wer möchte schon, dass sich solche Attacken wiederholen, womöglich häufen oder künftig sogar noch schlimmer ausfallen? Eine gewissenhafte Diagnose und therapeutische Massnahmen liegen daher im Interesse von Mensch und Tier. In den meisten Fällen lässt sich der Hausfrieden dauerhaft wieder herstellen. Im Extremfall entscheidet eine erfolgreiche Behandlung sogar über Leben und Tod der Katze.

Wenn die Katze zum Halali bläst

Die weitaus häufigsten Angriffe gegen Menschen entspringen dem Spiel- und Jagdverhalten der Katze. Wie bereits im Artikel «Wenn Wohnungskatzen sich nicht vertragen» im KM 2/12 erwähnt, ist der Begriff «Aggression» hier eigentlich fehl am Platz, da die Katze nur ihren von Natur aus starken Drang zu jagen auslebt. Dennoch kann dies für den menschlichen Partner äusserst schmerzhafte Folgen haben. Manche Katzen wissen nicht, dass menschliche Körperteile tabu sein sollten – entweder haben sie es nicht gelernt, oder sie sind sogar animiert worden, Hände und Füsse anzugehen. Die passen ja so schön ins Beuteschema, und es gibt auch kaum etwas Drolligeres als ein Kitten, das sich auf wackelnde Zehen stürzt oder todesmutig mit Herrchens grosser Hand kämpft. Die ausgewachsenen Tiere verstehen zu Recht die Welt nicht mehr, wenn der «Ach wie niedlich»-Faktor verpufft und das Geschrei über blutende Wunden plötzlich gross ist.

Wer Opfer derart motivierter Angriffe wird, kann die Katze mit Geduld umerziehen. Aber bitte ohne Bestrafung! Katzen reagieren sehr gut auf einen Schmerzlaut wie «Au!» oder ein energisches «Nein!» Unterbrechen Sie grobes Spiel sofort und ignorieren Sie die Katze für einige Minuten. Bieten Sie ihr danach geeignetes «Distanzspielzeug» wie eine Feder- oder Mäuschenangel zum Austoben an. Überhaupt ist regelmässiges und häufiges Spielen mit der Katze das beste Mittel, um die «Menschenjagd» zu verhindern, deren Hauptursache Langeweile und Unterforderung sind.

Fussfetischisten

Etwas schwieriger wird es bei attackierten Knöcheln und Füssen, beispielsweise beim nächtlichen Toilettengang oder unter der Bettdecke. Für die ohnehin nachtaktive Katze, die sich gerade in der stillen Wohnung langweilt, sind sie eine willkommene Beute. Wie zahlreiche Leidensgeschichten von Katzenhaltern belegen, sind Fusfetischisten unter domestizierten Feliden weit verbreitet. Ihr Verhalten legt nahe, dass sie Füsse, Knöchel und Waden der Opfer gar nicht als Körperteile ihres menschlichen Gegenübers wahrnehmen und daher oft hemmungslos zuschlagen. Die beste Strategie ist Ablenkung: Bewaffnen Sie sich auf dem Weg zum Klo mit einer Angel oder einem anderen von der Katze begehrten Spielzeug. Spielen Sie möglichst abends vor dem Schlafengehen noch einmal mit Ihrer Katze, damit sich der nächtliche Jagdeifer nicht allzu sehr staut. Verwehren Sie besonders hartnäckigen und rabiaten Katzen konsequent den nächtlichen Zutritt zum Schlafzimmer. Mit viel Konsequenz und Durchhaltevermögen erreichen Sie so, dass Ihre Füße allmählich weniger interessant werden.

Territoriale Aggression

… gegenüber Menschen ist selten, da der Sozialpartner Mensch in der Regel zu wenig als ebenbürtige «Mitkatze» empfunden wird, um ein solches Verhalten zu provozieren. Es gibt aber durchaus Katzen, die Fremde in ihrer heimischen Umgebung attackieren. Solche Attacken sind meist eher angstmotiviert als offensiv. Ebenso werden Rivalität und Eifersucht selten durch offensive Angriffe gegen den Konkurrenten gezeigt. Ist Frauchens neuer Freund allerdings so unsensibel, sich genau in die erklärte Lieblingscouchecke des dort ruhenden Katerherren des Hauses zu pflanzen, kann dieser schon mal ungehalten reagieren und ausholen. Hier ist eher eine Unterschreitung der kritischen Distanz der Katze als offene Angriffslust im Spiel, so dass sich die auslösende Situation gut vermeiden lässt, bis der neue Zweibeiner akzeptiert und integriert ist. Einschmeicheln mit Futter und später auch gemeinsames Spiel schaffen Vertrautheit. Häufig drücken territoriale und eifersüchtige Katzen ihr Unbehagen über ein verändertes Umfeld zusätzlich durch Harnmarkieren aus.

Erstschlag aus Angst

Der mit Sicherheit häufigste Aggressionsauslöser bei unseren geliebten Samtpfoten ist die Angst. Im schlimmsten Fall haben die Tiere bereits als Kitten eine grobe Behandlung erfahren oder wurden sogar misshandelt. Auch die Vorbildfunktion einer ängstlichen Katzenmutter und eine genetische Disposition spielen eine wichtige Rolle hinsichtlich der Angstanfälligkeit des Nachwuchses. Selbst wenn derart vorbelastete Katzen später ausschliesslich liebe- und verständnisvoll behandelt werden, bleibt die kritische Distanz bei ihnen zeitlebens sehr gering. Wird sie unterschritten, greifen die so traumatisierten Tiere sofort vehement an – oftmals sogar dann, wenn ihnen noch Fluchtwege offen stünden. In diesem Fall ist ihre angstvolle Erregung – und unter Umständen die Erwartung von Schmerz – so gross, dass sie augenblicklich zum eigentlich letzten Mittel der Wahl greifen und voller Panik zubeissen und -schlagen.

Da Katzen blitzschnell agieren und reagieren können, entgehen uns manchmal ihre subtilen Warnsignale wie sich plötzlich weitende Pupillen und eine erhöhte Körperspannung. Eine angstaggressive Katze erfordert in potenziell für sie bedrohlichen Situationen unsere volle Aufmerksamkeit: Wenn wir lernen, bereits ihre ersten Warnsignale zu erkennen und richtig zu deuten, können wir die Eskalation zu einem Angriff in den meisten Fällen vermeiden und uns langsam wieder im Umgang mit der vermeintlichen Kampfkatze entspannen. Für ängstliche Miezen sind Routinen und zuverlässige Rückzugsmöglichkeiten besonders wichtig. Auch bei unseren Gästen sollten wir um Verständnis für unsere sensible Samtpfote werben und sie bitten, das Tier einfach zu ignorieren und «neuralgische Punkte» wie Lieblingsplätze der Katze zu meiden – aus Katzensicht ein überaus höfliches Benehmen.

Umgerichtete Aggression

Die spontan umgerichtete Aggression, bei der ein Schreckmoment den Angriff auf eine an dem Ereignis völlig unschuldige Mitkatze auslöst, wurde ebenfalls im Artikel «Wenn Wohnungskatzen sich nicht vertragen» beschrieben. Natürlich kann ebenso Miezes Frauchen oder Herrchen zum Opfer einer plötzlichen Attacke werden. Wenn die perplexen Halter es schaffen, den Vorfall ungestraft zu lassen und trotz Blessuren an Leib und Seele zur Tagesordnung übergehen, ist es unwahrscheinlich, dass sich das Vorkommnis wiederholt, während eine Bestrafung je nach Charakter der Katze das Vertrauensverhältnis zum Halter mehr oder weniger nachhaltig schädigt.

Häufig sind Schmerzen schuld

Falls eine Katze ohne erkennbaren Grund ihr Verhalten auffällig ändert und immer häufiger ihre Bezugsperson(en) angeht, sollten sämtliche Alarmglocken schrillen. In solchen Fällen leidet die Katze oft unter Schmerzen, die ihre Reizschwelle für Aggressionen stark herabsetzen. Das allgemeine Unbehagen wird ebenfalls auf die Umwelt umgerichtet und an ihr ausgelassen, wobei die Verknüpfungen von Schmerz mit Ereignissen im Lebensraum der Katze oder mit bestimmten Verhaltensweisen der Besitzer oft im Verborgenen bleiben. Selbst aufmerksame Menschen, die viel Zeit mit ihren Fellnasen verbringen, tappen oft lange im Dunkeln bei dem Versuch zu klären, welche subtilen Signale letztlich wirklich Startschüsse für Attacken sind.

Da Katzen obendrein wahre Meister im Verbergen krankheitsbedingter Schwächen sind, erscheint uns die Samtpfote möglicherweise organisch vollkommen gesund. Doch wenn eine Katze aus heiterem Himmel Verhaltensauffälligkeiten zeigt, sollte der erste Weg immer zu einem Tierarzt führen, um mögliche gesundheitliche Ursachen abklären zu lassen. Eine Erkrankung, die häufig mit überraschenden und heftigen Attacken einhergeht, ist die Epilepsie. Sie kann alleine oder aber infolge anderer Grunderkrankungen auftreten, häufig auch ohne Krämpfe. Aber es müssen nicht gleich so schwerwiegende Gründe wie Epilepsie oder ein Tumor sein, die Miezes befremdliches Verhalten hervorrufen. Eine vergleichsweise harmlose Ohrenentzündung oder starker Parasitenbefall können ebenso dafür sorgen, dass die Katze «neben der Spur» ist und dies mit aggressivem Verhalten quittiert. Bitte schieben Sie den Gang zum Tierarzt deshalb nicht aus Angst vor einer Hiobsbotschaft auf!

Instrumentalisierte Aggression

Unsere Lieblinge sind nicht nur ausgesprochen lernfähige Geschöpfe, sondern auch gute Lehrer. Die grosse Zahl wohlerzogener Katzenbesitzer, die auf ein energisches «Miau!» ihrer unentschlossenen Katzen Terrassentüren x-mal öffnen und schliessen und nachts schicksalsergeben aus dem Bett taumeln, um sich pflichtschuldig über ein angeschlepptes Spielzeug oder eine erbeutete Maus zu «freuen», belegt dies eindrucksvoll. Nicht zu tolerieren ist dagegen das Vorgehen von Katzen, die gelernt haben, dass sie mit dem Ansatz «Und bist du nicht willig, so brauch’ ich Gewalt» erfolgreich sind. Glücklicherweise ist diese Form offensiver Aggression sehr selten. Die betroffenen Zweibeiner sollten sich darüber im Klaren sein, dass allein die Beachtung der Katze schon eine Belohnung darstellen kann – selbst wenn geschimpft wird. In solchen Fällen hilft ein Therapieplan, der Katze ihr unerwünschtes Verhalten wieder abzutrainieren.

Das Wichtigste zuletzt

Die hier aufgeführten Aggressionsformen stellen eine Kategorisierung dar, wie viele Verhaltensforscher sie verwenden, die sich aber noch weiter differenzieren liesse. Doch selbst dann ist die Realität immer noch wesentlich komplexer, als dieser Artikel es wiedergeben kann. Aggressionen und andere Motivationen eines Tieres, ein bestimmtes Verhalten zu zeigen, vermischen oder überlagern sich stets situations- und stimmungsbedingt. Sie unterliegen äusseren Einflüssen, die ebenfalls bei der Diagnose berücksichtigt werden müssen. Eine Verhaltenstherapeutin hat einen unvoreingenommenen Blick auf das Umfeld der Katze. Ihr fallen vielleicht Dinge auf, die aus Ihrer Sicht alltäglich oder unauffällig sind, für die Katze jedoch von enormer Wichtigkeit. Neben den Fachkenntnissen ist der «fremde Blick» der Aussenstehenden hier äusserst hilfreich.

Bei jedem Angriff einer Katze sollten Sie unbedingt folgende Massnahmen beherzigen: Bestrafen Sie die Katze auf keinen Fall. Ignorieren Sie die Kampfkatze möglichst für eine Weile, bis sie sich wieder beruhigt hat. Auch wenns schwerfällt: Versuchen Sie «cool» zu bleiben. Separieren Sie die Katze sofort (ggf. unterstützt von Dritten), wenn Sie verletzt wurden und/oder stark aufgewühlt sind. Das Wegsperren sollte möglichst keinen Strafcharakter haben und ruhig ablaufen. Kümmern Sie sich danach sofort um Ihre medizinische Versorgungen – Sie gehen vor! Katzenbisse und -kratzer sind keine Lapalien. Anaerobe Bakterien aus der Maulhöhle und Erreger in Fäkalienspuren an den Krallen können gefährliche Wund- und Folgeinfektionen verursachen.

«Beduften» Sie Ihre Wohnung mit Pheromonen (Feliway®, PetBalance Catitude®). Ein Pheromonstecker gehört mindestens an den Ort, an dem es zur Attacke kam. Bei stark angespannten und frustrierten Katzen mag die Wirkung nicht überwältigend ausfallen, aber einen Versuch ist es immer wert. Vereinbaren Sie möglichst schnell einen Tierarzttermin für Ihre Katze, um weitere Massnahmen planen zu können. Selbst zu handeln ist auch für Sie gut, damit Sie keine Ressentiments gegen Ihr Tier aufbauen und sich als Opfer Ihres ausgerasteten Stubentigers empfinden.

Falls Ihre Katze Sie wiederholt angreift und die Situation bedrohlich wird, können Krallenkappen zumindest die schlimmen Folgen von Pfotenschlägen verhindern. Unter den Markennamen Soft Claws® und Soft Paws® sind diese Vinylkappen, die auf die einzelnen Krallen geklebt werden, mittlerweile auch in Deutschland erhältlich. Schützen Sie bissgefährdete Körperpartien durch dicke Socken und langärmelige Bekleidung. Der Tierarzt kann auch aggressionshemmende Medikamente verschreiben. Wenn homöopathische Mittel und Bachblüten wirkungslos bleiben, bedeutet die Verabreichung solcher Medikamente eine weitere Chance für eine Katze, der sonst der Abschub aus dem bisherigen Heim oder gar das Einschläfern droht.

Krallenkappen, Schutzkleidung und Medikamente sind natürlich keine Dauerlösung, können aber vor allem den gestressten Katzenhaltern Erleichterung verschaffen und dafür sorgen, dass sie wieder etwas entspannter mit ihrer kratzbürstigen Kummerkatze das Heim teilen. A propos «Heim teilen»: Sie haben sicher bereits zwischen den Zeilen herausgelesen, dass die gegen Menschen gerichtete Aggression überwiegend in der Wohnung gehaltene Katzen betrifft. Ein neues Zuhause mit Freigang kann für eine organisch gesunde, aber anderweitig nicht therapierbare Katze einen viel versprechenden Neuanfang bedeuten. Geben Sie ihr bitte diese Chance, wenn alle anderen Mittel versagen.

Hier können Sie den Artikel aus dem Magazin als PDF ansehen

geschrieben von:
Bettina von Stockfleth

Bettina von Stockfleth

Bettina von Stockfleth absolvierte ihre Ausbildung zur Tierpsychologin bei der Schweizer Akademie für Tiernaturheilkunde (ATN). Die engagierte Tierschützerin arbeitet in Deutschland, der Schweiz und Österreich als Verhaltenstherapeutin für Katzen und schreibt regelmässig für das Katzen Magazin. 2013 erschien ihr erstes Buch «Katzenkinder» im KOSMOS-Verlag, im Sommer 2015 der Tierschutz-Ratgeber «Katzen mit Geschichte» (BoD). www.mensch-und-katze.de

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